Kein Katar-Boykott! – Das sind meine Gründe

Katar. Inzwischen hat die 22. Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft begonnen. Dieses Mal im arabischen Wüsten- und Golfstaat Katar. Und während in meinem Heimatland Deutschland zuletzt immer mehr Freundinnen und Freunde, Verwandte und Bekannte zum Boykott dieses Turniers aufgerufen haben, habe ich um 3.00 Uhr nachts, australischer Ortszeit, über einen australischen Fernsehsender das Eröffnungsspiel des Gastgeberlandes gegen Ecuador angeschaut. Zugegeben nur die erste Halbzeit, aber mit Sicherheit nicht aus den Gründen, weshalb viele Zuschauerinnen und Zuschauer vor Ort das Stadion bereits vorzeitig verlassen haben. Sondern einfach weil es schon spät in Melbourne war und ich eingeschlafen bin. Ein wahrer Qualitätsgarant war diese Partie nicht. Von vielen Personen habe ich nun innerhalb kürzester Zeit kritische Nachrichten erhalten. Teilweise auch grobe Anschuldigungen, Beleidigungen und auch meine Follower-Anzahl ist nachweislich gesunken durch mein offenkundiges Interesse an dieser Weltmeisterschaft. Ich kann jede Einzelne und jeden Einzelnen verstehen, die sich diese Austragung nicht anschauen und boykottieren. Ihr habt eure Argumente hierzu und diese sind auch vollkommen berechtigt. Aber ich habe genauso meine Gründe, weshalb es für mich keinen Katar-Boykott gibt. Diese Fußball-Weltmeisterschaft an Katar zu vergeben war, ist und bleibt eine gravierend falsche Entscheidung, aber sie ist gerade deshalb eine wichtige, vielleicht sogar DIE wichtigste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten.

Diese Fußball-Weltmeisterschaft an Katar zu vergeben war, ist und bleibt eine gravierend falsche Entscheidung, aber sie ist gerade deshalb eine wichtige, vielleicht sogar DIE wichtigste Fußball-Weltmeisterschaft aller Zeiten.

Aus der Perspektive der Spieler

Zunächst möchte ich aus der Perspektive anfangen, welche für mich auch das wichtigste Argument stellt. Und was eigentlich immer wieder von vielen Fans gepredigt wird. Der Sport steht über der Politik. Es geht in erster Linie um Fußball und dann als nächstes um gesellschaftliche Themen. Genau in dieser Reihenfolge. Denn ohne die Fußball-Weltmeisterschaft würden wir vielleicht gar nicht über die Missstände in Katar sprechen.
Eine Fußball-Weltmeisterschaft zu spielen gehört mit zu den großen Träumen eines jeden Spielers. Es ist unumstritten das größte Ereignis im Fußballsport und der Triumph über den goldenen Pokal hat schon so manche Legende hervorgebracht und das goldene Ende einer Spielerkarriere eingeläutet. Es wird immer gefordert, dass es am besten wäre, wenn die Nationalmannschaften dieses Turnier boykottieren und ihre Teilnahme zurückziehen. Teilweise werden Spieler sogar öffentlich gehatet dafür, dass sie in die Wüste geflogen sind. Ich möchte jeden einzelnen Spieler hingegen meine volle Unterstützung zeigen und ihren Einsatz mir ansehen, weil sie es verdient haben. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Ein Nico Schlotterbeck zum Beispiel. Er ist definitiv einer der Youngster in der deutschen Nationalmannschaft. Mit 22 Jahren darf er jetzt sein erstes großes Turnier in der A-Nationalmannschaft bestreiten. Ich kann nicht in Nicos Kopf sehen, aber es ist vermutlich einer der größten und emotionalsten Momente in seiner Karriere, wenn er gegen Japan aufs Spielfeld läuft. Eine Weltmeisterschaft von der er sein ganzes Leben geträumt und für die er jahrelang seit seiner Kindheit Tag und Nacht trainiert hat. Ich freue mich auch als Schalker für Nico und wünsche ihm viel Spaß und Erfolg in Katar und werde ihm beim Zuschauen die Daumen drücken.
Jetzt werden sich viele wahrscheinlich denken: „Okay, dann soll er halt die nächste Europa- oder Weltmeisterschaft spielen.“ Einfach und schön wäre es, wenn es denn auch sicher wäre. Wer kann schon einem Spieler im November 2022 sagen, dass er sich nicht in zwei Jahren vor der nächsten Europameisterschaft verletzt oder nicht mehr nominiert wird. Ein Marco Reus kann davon sicherlich ein Lied singen. Wenn nicht sogar aufgrund physischer Beeinträchtigungen die Karriere vorzeitig beendet werden muss. Für einen Lionel Messi oder Christiano Ronaldo ist es die letzte Chance auf den Weltmeister-Titel und das damit erwähnte goldene Ende einer Ära.


Die Gunst der Stunde

Jetzt kommen wir zu den Missständen in Katar. Denn das ist die gute Seite eines jeden großen Sportereignisses: Die ganze Welt schaut für vier Wochen auf ein einziges Land. Es bleibt eine hypothetische Frage, aber hätten wir auch so viel über Katar gesprochen, über die Zustände in diesem Wüstenstaat, wenn es nicht zu einer Austragung des Turniers gekommen wäre? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht würden wir uns beim Thema Gasaustausch oder bei der Buchung des nächsten Fluges mit Qatar-Airlines kurz über die Situation vor Ort Gedanken machen, aber sicherlich nicht in dieser Dimension und schon gar nicht zusammen mit allen anderen Nationen dieser Welt. Jetzt ist unsere größte Chance Veränderungen zu erzielen. Jetzt müssen wir mit Einheimischen, Funktionären und Scheichs vor Ort ins Gespräch kommen und sie von unseren Grundwerten überzeugen. Dialog statt Monolog. Glaubt jemand ernsthaft, dass wenn diese Weltmeisterschaft ein Misserfolg wird, sei es wirtschaftlich, sportlich oder aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit, dass dadurch gesellschaftliche Wandlungen geschehen? Alles hat eine Ursache, eine Ursprung. Die Homophobie in Katar ist beispielsweise religiösen Ursprungs. Das erkennt man auch daran, dass der katarische Botschafter Salman Homosexualität als „haram“ (Sünde) betitelt. Die Ursache liegt also in der Interpretation des Islamismus. Also lasst und doch jetzt gemeinsam in Katar über den Islam sprechen. Jetzt haben wir die Chance. Jetzt können wir Flagge zeigen.

Hätten wir auch so viel über Katar gesprochen, über die Zustände in diesem Wüstenstaat, wenn es nicht zu einer Austragung des Turniers gekommen wäre?

Über das Entwicklungspotential von Katar

Und dass in Katar Veränderungen und Entwicklungen möglich sind, hat sich bereits in der Vergangenheit gezeigt. So setzte sich die ehemalige First Lady von Katar, Scheicha Moza, Ende der 90er-Jahre verstärkt für den Bildungsausbau und die Stärkung von Frauenrechte im Staat ein. Bildung stärkt die Emanzipation von Frauen. Katar war das erste islamische Land, in welchem Frauen ein aktives und passives Wahlrecht bekamen. Außerdem stellt sei 1995 jede Regierung mindestens zwei Ministerinnen auf. Auch auf dem Arbeitsmarkt finden Reformen statt, wie bspw. die Arbeitsrechtreform in gemeinsamer Arbeit mit der internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Arbeitskräfte mit Migrationshintergrund können künftig ihren Arbeitgeber wechseln ohne jegliche Auflagen und hohe Ablösesummen, welche Einheimische verlangten. Das Kafala-System, welches dies unterbunden hatte und Arbeitskräfte wie Sklaven behandelte, wurde fallen gelassen. Als erster Wüstenstaat führte Katar den Mindestlohn ein, sowie weitere Kriterien zu notwendigen Arbeitsbedingungen. Somit sind Unterbringungen in Massenunterkünften nicht mehr erlaubt. Zwar scheitert noch an einigen Stellen die Umsetzung dieser neuen Gesetzte und Richtlinien, doch der erste Schritt ist getan. Und wie viele werden nach einer ausgiebigen Diskussion während der Fußball-Weltmeisterschaft noch folgen? Können wir nicht den Kataris genau jetzt die Augen öffnen für weitere Reformen?

Können wir nicht den Kataris genau jetzt die Augen öffnen für weitere Reformen?

Wo und wann hört der Boykott auf?

Wenn wir alle dieses Turnier boykottieren wollen, weil wir die Machenschaften und das „System Katar“ nicht unterstützen möchten, wo hört dann der Boykott auf? Ist das Thema mit dem Ende des Finalspiels kurz vor Weihnachten beendet? Interessiert sich dann noch jemand für die Lage im Golfstaat? Oder wird der Boykott konsequent auf jeder Ebene fortgeführt?

Ein Gedankenspiel:
Jede Person, die den Strom für ihren Haushalt von RWE bezieht, müsste ab sofort den Stromanbieter wechseln. Denn für den Ausbau von erneuerbaren Energien erhält der deutsche Konzern finanzielle Unterstützung der Qatar Holding, der Tochtergesellschaft von Qatar Investment Authority (Staatsfond). Damit wird Katar der größte Aktionär in Essen werden.

Jede Person, die einen VW in ihrer Garage stehen hat, sollte diesen schnellstens verkaufen. Denn an Volkswagen hält der katarische Staatsfond immerhin 17% Anteile. Im Aufsichtsrat in Wolfsburg sitzt bereits seit mehreren Jahren Mansoor al-Mahmoud, CEO von Qatar Investment Authority. Warum hat man diesen nicht bereits früher in einem Interview mit kritischen Fragen zur Verfolgung von Homosexuellen oder zum Frauenrecht in Katar konfrontiert?

Jede Person, die ein Siemens-Gerät zuhause stehen hat, sollte sich schnellstens einen Stand auf dem Flohmarkt besorgen. Auch bei Siemens mischt der Wüstenstaat ordentlich mit. Und die Liste wird länger. Der Boykott einer Fußball-Weltmeisterschaft, einem einmaligen Sportevent, bleibt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.


Rückblick in die Vergangenheit

Whataboutism ist sicherlich keine gute Grundlage zum Argumentieren. Aber hat sich wirklich jemand für die Missstände in anderen Ländern, welche in der Vergangenheit eine Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen haben, interessiert? Russland 2018: Die Arbeitsbedingungen beim Stadionbau in St. Petersburg werden von internationalen Organisationen als „moderne Form der Sklaverei“ beschrieben. Folglich mehrere Tote und Verletzte. An der Macht ein Wladimir Putin, der schon zum damaligen Zeitpunkt als Autokrat gehandelt wird, die Krim überfallen hat und in der Kritik steht. Brasilien 2014: Einheimische im Nordosten Brasiliens, einer Region, in der vorwiegend arme Menschen leben, werden beschossen und verletzt. Ihre Häuser werden dem Boden gleich gemacht. Ihre gesamte Existenz vernichtet. Kinder fürchten um ihr Leben. Der Grund ist die Arena Castelão, in welcher Deutschland gegen Ghana spielen sollte. Diese benötigte eine neue Zufahrtstraße und für diese musste die Existenz und das Wohl tausender Menschen aufs Spiel gesetzt werden. Auch an anderen Orten wurden Häuser abgerissen, Einheimische auf die Straße gesetzt und im Regen stehen gelassen. Auch 2010 in Südafrika hat die Fußball-Weltmeisterschaft zu Toten und Verletzten beim Stadionbau geführt und zivile Konflikte in der Gesellschaft ausgelöst und verstärkt. Arme und obdachlose Menschen wurden aus Innenstädte vertrieben. Auch in anderen Gastgeberländern gab es zuletzt immer wieder Missstände, unzureichende Arbeitsbedingungen und Konflikte. Auf diese wurde auch öffentlich hingewiesen, aber an einen Boykott hat niemand gedacht. Weil es vielleicht keine große kulturelle Diskrepanz gab? Weil Brasilien und Südafrika vorwiegend christlich geprägt waren? Oder hat man sich in Russland einfach alles mit Vodka schön getrunken?


„Die Welt zu Gast bei Freunden“ oder doch keine Freundschaft?

„Die Welt zu Gast bei Freunden“! So war das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Aber wer sind eigentlich unsere Freunde? Die Kataris offensichtlich nicht. Eine Teilnahme an der Endrunde als Nicht-Gastgeberland ist zwar ohnehin undenkbar für Katar, aber ich habe Zweifel daran, dass jemand verlangt hätte, Katar auszuladen und die Teilnahme zu untersagen. Und diesmal sind wir eingeladen bei unseren Freundinnen und Freunden. Oder etwa nicht? Es scheint als sei Deutschland nur bestimmten Ländern und deren Kulturen gegenüber offen. Eine europäische Nation – kein Problem! Ein beliebtes Reiseziel – kein Problem! Aber die Aussage darüber, dass die gesamte Welt und alle Nationen zu unserem, wenn auch vielleicht erweiterten, Freundeskreis gehören, scheint dann doch nicht korrekt gewesen zu sein. An dieser Stelle hat jedoch niemand behauptet, es würde sich um eine „Schein-Weltmeisterschaft“ handeln und dass Deutschland sich ins richtige Licht rücken wolle. Man stelle sich vor, Saudi-Arabien würde neben den asiatischen Winterspielen in Zukunft auch ein Fußballturnier austragen. Bei unserer Weltmeisterschaft im eigenen Land waren sie zumindest noch unsere Freunde.

Und zum Schluss noch eine kleine Exkursion im erweiterten Sinne. Deutschland scheint der ideale Gastgeber der kommenden Europameisterschaft 2024 zu sein. Die Grundwerte scheinen hier zumindest im akzeptablen Bereich zu liegen. Im selben Atemzug von „in Deutschland würde es so etwas nicht geben“ kommt dann die Aussage darüber, dass die deutsche Nationalmannschaft gar keine „deutsche“ Mannschaft mehr sei. Spott und Häme füllt das deutsche soziale Netzwerk über die Hautfarbe einiger unserer Nationalspieler. Da wird schon der Vergleich zur Nationalmannschaft der Elfenbeinküste oder Ghana gestellt. Jamal Musiala ist somit kein „richtiger“ deutscher Nationalspieler mehr. Vor ihm haben jedoch jahrelang Miroslav Klose und Lukas Podolski für Deutschland gestürmt. Beide mit polnischen Migrationshintergrund, aber Weiße. Können wir an dieser Stelle sicher sein, dass die Grundwerte in Deutschland ausreichen für die Austragung des größten europäischen Fußballturniers? Oder haben wir noch immer ein Rassismus- und Antisemitismusproblem?

„Die Welt zu Gast bei Freunden!“ […] die Aussage darüber, dass die gesamte Welt und alle Nationen zu unserem, wenn auch vielleicht erweiterten, Freundeskreis gehören, scheint dann doch nicht korrekt gewesen zu sein.

Wieso können wir genau an dieser Stelle nicht einfach wieder stolz auf unsere deutsche Nationalmannschaft sein? Statt nur Forderungen zu stellen, loben und die guten Entscheidungen sehen. Auch mich enttäuscht die Tatsache, dass ich an dieser Stelle die „One-Love-Binde“ als Beispiel aus meinem Text löschen muss. Aber wir haben zumindest u. a. zwei empfehlenswerte Dokumentationen für die ARD und das ZDF in Katar mit kritischer Betrachtung gedreht. Insbesondere das Interview zwischen Jochen Beyer und dem katarischen Botschafter zum Thema Homosexualität ging durch die gesamte Welt. Auch hier in Australien spricht jeder über die mutigen Fragen, die bei dieser Produktion gestellt wurden. Das ist ein Anfang und die Weltmeisterschaft hat gerade erst begonnen. Egal, ob Schwarze oder Weiße, ob jung oder alt, ob mit oder ohne Regenbogen-Kapitänsbinde. Ich finde, wir können trotzdem stolz bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft auf unsere Nationalmannschaft sein. Und sie hat es verdient gesehen zu werden.

Einen Thomas Müller kann man nur lieben! Wie er aus dem Flieger in Katar ausstiegt, gut gelaunt und typischerweise zu Späßen aufgelegt, selbst mit dem katarischen Flughafenpersonal. Das wirkte schon fast so, als wenn ein kleines Kind mit den Wachen vorm Buckingham Palace spielt und scherzt. Dieser Typ nimmt kein Blatt vor den Mund. Und wir können noch gespannt sein, was bei mancher Pressekonferenz für Aussagen und Statements kommen, insbesondere von Thomas Müller. Mehr deutsch geht doch nicht, oder?

Love,
Jasper

Jamal Musiala ist somit kein „richtiger“ deutscher Nationalspieler mehr. Vor ihm haben jedoch jahrelang Miroslav Klose und Lukas Podolski für Deutschland gestürmt. Beide mit polnischen Migrationshintergrund, aber Weiße.

Quellen:
Frauenrechte in Katar auf dem Vormarsch: Männer meiden die Unis – taz.de
Katar – Weitere Reformen im Wüstenstaat – Politik – SZ.de (sueddeutsche.de)
Katar zahlt Mindestlohn – 230 Euro im Monat – DER SPIEGEL
Katar, die neue Macht in der deutschen Wirtschaft – Wirtschaft – SZ.de (sueddeutsche.de)
WM 2018 in Russland: Todesfälle und Ausbeutung beim Stadionbau (faz.net)
Fussball-WM – Brasilien tritt Menschenrechte mit Füßen | deutschlandfunk.de